Plötzlicher Herztod beim Marathon: Wie gross ist die Gefahr wirklich?
Laufen senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Trotzdem sterben immer wieder Marathonläufer unerwartet, meist Männer mit verborgenen Herzproblemen und übertriebenem Ehrgeiz im Schlusssprint.
Laufen ist gesund – keine Frage. Es senkt unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen frühen Tod. Doch Berichte über Marathonläufer, die plötzlich an einem Herztod sterben, sorgen immer wieder für Unruhe. So erging es vor zwei Jahren dem Schweizer Marathon-Meister Adrian Lehmann, der sich für die Olympischen Spiele qualifizieren wollte. Er starb 34-jährig während eines Trainingslaufs an Herzversagen.
Wie gefährlich ist dieser Sport wirklich? Eine US-Studie liefert aktuelle Daten: Von 29,3 Millionen Marathonläufern starben 59 an plötzlichem Herztod – das entspricht einem Todesfall pro 500 000 Läufer. Andere Studien bestätigen die Erkenntnis der amerikanischen Wissenschafterinnen und Wissenschafter, dass solche Ereignisse extrem selten sind.
Ein plötzlicher Herztod tritt ein, wenn jemand unerwartet an einem Herzproblem stirbt, ohne dass zuvor eine entsprechende Erkrankung bekannt war. Bei Sportlern unter 35 Jahren liegt die Ursache meist in einer angeborenen Herzkrankheit wie einer Kardiomyopathie. Bei älteren Athleten ist es oft eine unentdeckte Arteriosklerose.
Interessanterweise trifft der plötzliche Herztod Nicht-Marathonläufer deutlich häufiger: Je nach Alter sterben zwischen 8 und 200 von 500 000 Menschen daran, bei Freizeitsportlern sind es 1 bis 34. Warum Männer sechsmal häufiger betroffen sind, bleibt unklar. Französische Forscher vermuten, dass Umbauprozesse im männlichen Herzen und übermässiger Ehrgeiz eine Rolle spielen könnten.
Auf dem letzten Kilometer sterben vor allem Männer
Beruhigend: Von 1,2 Millionen Marathonläufern erlitten nur 15 Männer und 2 Frauen einen plötzlichen Herztod. Auffällig war jedoch, dass 9 der Todesfälle auf den letzten Kilometer fielen – 8 davon betrafen Männer. Daten aus Halbmarathons zeigen, dass fast alle Läufer am Ende des Rennens beschleunigen, Männer jedoch stärker als Frauen. Das männliche Herz wird durch regelmässigen Ausdauersport grösser und kräftiger, was die Leistung steigert, es aber auch anfälliger für Herzprobleme machen könnte – besonders unter hoher Belastung.
Hinzu kommt, dass Männer auf den letzten Metern oft alles geben wollen, das letzte Quentchen Energie aus dem Körper pressen. «Die betroffenen Männer hatten vermutlich eine unentdeckte Herzkrankheit und wären vielleicht nicht gestorben, wenn sie gleichmässig weitergelaufen wären», sagt Christian Schmied, Leiter der Sportkardiologie am Universitätsspital Zürich. «Der krankhafte Ehrgeiz, kurz vor dem Ziel zu sprinten, löste vermutlich eine lebensgefährliche Rhythmusstörung aus.»
Ehrgeiz kann zwar motivieren, die eigene Bestzeit zu knacken. Doch übertriebener Ehrgeiz führe dazu, dass Läufer ihre Belastungsgrenze ignorierten und weitermachten, obwohl sie erschöpft seien, sagt Valentin Markser, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie. Sein Rat: «Ich würde mit dem Trainer, einem Sportmediziner und einem Sportpsychiater meine Laufstrategie analysieren. Diese kann man dann so anpassen, um die Gesundheit zu schützen und die Leistung zu optimieren.»
Ein Termin beim Arzt ist ratsam – vor Trainingsbeginn
Marathon sei weder grundsätzlich gesund noch ungesund, sagt Johannes Scherr, der Leiter des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der Universitätsklinik Balgrist in Zürich. «Problematisch wird es, wenn unentdeckte Vorerkrankungen unter der extremen Belastung zu Problemen führen und einen Herztod auslösen. Deshalb empfehle ich jedem ambitionierten Läufer eine sportmedizinische Untersuchung – idealerweise vor Trainingsbeginn.»
Beim Sport-Check-up sucht der Arzt nach Risikofaktoren wie Herzgeräuschen, starker Erschöpfung nach dem Training oder familiären Herzkrankheiten. Ein Zwölf-Kanal-EKG gehört zur Basisuntersuchung. Besteht der Verdacht auf ein Herzproblem, folgen weitere Tests wie ein Herz-Ultraschall oder ein Belastungs-EKG.
Sportler über 35 Jahre sollten zudem Risikofaktoren für Arteriosklerose abklären lassen, etwa Bluthochdruck, hohes Cholesterin, Diabetes oder Rauchen. Ob ein Marathon ratsam sei, hänge vom Einzelfall ab, sagt der Kardiologe Schmied: «Wenn das Herz bei maximaler Belastung wegen einer Kardiomyopathie nicht mehr richtig pumpt, rate ich ab. Sind die Herzkranzgefässe trotz Arteriosklerose gut durchblutet und treten keine Rhythmusstörungen auf, spricht wenig dagegen. »
Neben Herzproblemen können auch Elektrolytstörungen, Drogenkonsum, Alkohol oder Sport bei Infekten einen plötzlichen Herztod auslösen. Der Sportmediziner Scherr sagt: «Nicht mit Fieber oder Infekt starten, keine Drogen, Schmerzmittel oder Alkohol konsumieren.»
Ausserdem rät er auch ambitionierten Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportlern dazu, sich ein realistisches Ziel zu setzen. Und: «Laufen Sie gleichmässig, trinken Sie an jedem Verpflegungsstopp. Und bei Brustschmerzen, Herzklopfen, Atemnot, Schwindel oder Verwirrung gilt es, sofort stehen zu bleiben und um Hilfe zu rufen.»
Auch bei zu viel Sport steigt das Sterberisiko
Forschende sind sich jedoch einig: Je mehr Sport jemand treibt, desto grösser sind die gesundheitlichen Vorteile – bis zu einem gewissen Punkt. Untersuchungen zeigen, dass bei Ausdauersportlern die Herzkranzgefässe schneller verkalken, der Herzmuskel versteift und die Leistung nachlässt. Auch Vorhofflimmern tritt häufiger auf. Wie oft das zu Infarkten oder Schlaganfällen führt, ist noch unklar. Wo liegt die Grenze der Belastung? Wie viel Sport ist noch gut für die Gesundheit, wann wird es zu viel?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt pro Woche mindestens 75 Minuten intensives Training wie Joggen oder 150 Minuten moderate Aktivität wie zügiges Gehen oder Wandern. Eine Studie mit 660 000 Probanden ergab allerdings, dass diejenigen das geringste Sterberisiko hatten, die deutlich mehr als das Minimum Sport machten, nämlich drei- bis fünfmal so viel. Als Beispiel hierfür wurden in der Studie genannt: drei- oder viermal pro Woche zwischen 45 und 60 Minuten Jogging mit einem Tempo von zehn Kilometern pro Stunde. Das ergibt ein Trainingsprogramm von zwei bis vier Stunden pro Woche.
Wer fünf- bis zehnmal so viel trainierte, hatte keinen zusätzlichen Nutzen für die Gesundheit, aber auch kein höheres Risiko. Erst bei mehr als zehnmal so viel Sport – mehr als 60 Minuten Joggen täglich – stieg das Sterberisiko. Diese Grenze sei jedoch nicht starr, sagt Scherr. «Das Sportlerherz erlaubt mehr Training, ohne das Herz so stark zu belasten wie bei Untrainierten. » Wer seine persönliche Obergrenze kennen möchte, kann dies durch eine sportmedizinische Untersuchung mit Laktatstufentest und Spiroergometrie herausfinden.
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