Er nannte sie «Klotz am Bein»: Wenn Männer ihre Frauen am Berg im Stich lassen

Die Natur ist zum Schauplatz von Kulturkämpfen geworden. Unter dem Stichwort «Alpine Divorce» berichten Frauen, wie sie von Männern beim Wandern abgehängt und schutzlos zurückgelassen wurden. Der Geschlechterkrieg hat die Gipfel erreicht.

von Birgit Schmid

 

Vor wenigen Jahren wurde darüber debattiert, ob Wandern rassistisch sei. Denn historisch gesehen sind es die Weissen, die die Alpen für diverse Freizeitaktivitäten erschlossen haben und sie bis heute nutzen. Beim Wandern, Klettern, Skifahren oder Gleitschirmfliegen bleiben sie mehrheitlich unter sich.

Die Ausrüstung für diese Hobbys muss man sich leisten können. Deshalb sehe man kaum verhüllte Musliminnen oder Menschen mit dunkler Hautfarbe auf dem Grat oder in der Gletscherhöhle, heisst es von Vertretern einer linken Identitätspolitik. Als Minderheit fühle man sich zudem unsicher im kaum besiedelten Raum.

Hinzu kommt der Vorwurf der ideologischen Vereinnahmung, was Berge und Wald zu einem ungemütlichen Ort macht: Die Bergwelt wird als Symbol für Heimatliebe und «völkische» Romantik genutzt. Auch Rechtsextreme wandern gern.

 

Eine Seilschaft von zweien

Neuerdings wird in den Bergen ein weiterer Kulturkampf ausgetragen. Diesmal führen ihn die Geschlechter. Dabei findet bloss eine Verlagerung statt, von den Niederungen des Alltags in die Höhe, wo die Luft dünner wird: Auf den Berggipfeln eskaliert das spannungsreiche Verhältnis zwischen Frau und Mann, das gegenwärtig sowieso zum Scheitern verurteilt scheint. Was vor allem an den Männern liegen soll.

Eigentlich ist Wandern eine Unternehmung, die Partner einander näherbringen und die Verbindung stärken kann. Man bricht frühmorgens auf, steigt höher hinauf und höher, einmal trägt der eine den Rucksack, dann der andere, man redet und rastet, geht das letzte Stück schweigend – endlich oben. Man hat es geschafft. Gemeinsam.

Doch nun berichten erstaunlich viele Frauen, wie sie von ihrem Partner beim Wandern abgehängt und am Berg im Stich gelassen wurden. Unter dem Hashtag #AlpineDivorce, alpine Scheidung, teilen sie in den sozialen Netzwerken tausendfach ihre Erfahrungen, die in den meisten Fällen zur Trennung führen.

 

Sie macht zu kleine Schritte

Im Februar ging auf Tiktok ein Video viral, in dem sich eine junge Frau selbst filmte, wie sie schluchzend einen felsigen Berg hinuntersteigt. Im dazu eingeblendeten Text steht: «Du gehst mit ihm in den Bergen wandern, aber er lässt dich einfach allein zurück, und du realisierst, dass er dich eigentlich nie mochte.» Das Video wurde 5 Millionen Mal gelikt und löste eine Flut von Reaktionen aus.

Auf der Plattform Reddit schreibt eine Frau: Nach zwanzig Minuten erhöhe ihr Freund auf einer Wanderung immer sein Tempo, und sie falle zurück. Er mache nun einmal grössere Schritte, rechtfertigt er sich. Sie sei ihm einfach zu langsam.

Eine Schweizerin erzählt auf Instagram, wie sie ihrem Freund, der an Bergläufen teilnehme, bei einer anspruchsvollen Tour in den Bündner Bergen die ganze Zeit auf den Rücken gestarrt habe, der immer kleiner geworden sei. Bei der Hütte angekommen, nannte er sie vor anderen Wanderern «Klotz am Bein» und «Spassbremse».

Eine Frau aus Bayern war beim Abstieg langsam, weil ihr die Knie weh taten. Sie irrte stundenlang ohne Handyempfang im Wald herum, während es schon dunkel wurde. Ihr Freund wartete auf sie beim Auto. Sie verliess ihn kurz darauf.

 

Die fiktive alpine Scheidung

Der Ursprung des Begriffs «alpine Scheidung» geht zurück auf die Kurzgeschichte «Alpine Divorce» des britisch-kanadischen Autors Robert Barr. Veröffentlicht wurde sie 1893: Ein Ehepaar, das inzwischen mehr Hass als Liebe verbindet, reist in die Schweizer Berge. Das Hotel steht auf einem Felsvorsprung, «in der Umgebung laden viele malerische Wanderwege zu mehr oder weniger gefährlichen Orten ein».

Der Mann will hier seine Frau loswerden, er weiss auch schon, wo: an einem überhängenden Aussichtspunkt, wo der Blick in die Tiefe die «stärksten Nerven» braucht, plant er, sie hinabzustossen. Am nächsten Morgen sagt er zu ihr: «Ich möchte in den Bergen spazieren gehen. Möchtest du mitkommen?» Sie stimmt zu.

 

Das reale Drama am Grossglockner

Trotz dem entlehnten Namen tönen die wenigsten «Alpine Divorce»-Berichte so drastisch wie das fiktive Beispiel. Und nie so lebensbedrohlich wie die reale Tragödie, die der Debatte den eigentlichen Anstoss gab.

Anfang Jahr wurde ein österreichischer Bergsteiger verurteilt: Er hatte im Januar 2025 seine 33-jährige Partnerin kurz unterhalb des Grossglockner-Gipfels zurückgelassen. Der Grossglockner ist mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs.

Es war bereits Nacht, ein eisiger Wind wehte, die Frau war entkräftet. Da machte sich der erfahrene Alpinist allein auf den Rückweg, angeblich, um Hilfe zu holen. Er fand Unterschlupf in einer Hütte. Seine Freundin, die am Felsen kauern blieb, erfror.

Das Landesgericht Innsbruck sprach ihn der fahrlässigen Tötung schuldig. Verteidigung und Staatsanwaltschaft legten Berufung ein. Eine Ex-Freundin des Mannes sagte vor Gericht, er habe auch sie einst am Grossglockner allein zurückgelassen.

 

Vorwurf des Machtmissbrauchs

In der Bergwelt ist man den Naturgewalten ausgesetzt. Man wird körperlich und psychisch gefordert, wird sich der eigenen Verletzlichkeit bewusst. Kein anderer Mensch weit und breit – man ist aufeinander angewiesen.

Auch ohne echtes Seil zwischen sich: Am Berg muss sich ein Paar aufeinander verlassen können. Viele Paare tragen im Rucksack ihre ungelösten Konflikte mit, die unterwegs leicht zu Streit führen, da man auf sich zurückgeworfen ist. Auf einer anstrengenden Wanderung zeigt sich, ob die Beziehung trägt.

Das Grossglockner-Drama ist ein extremer Fall. Die Erfahrungsberichte, die es auslöste, erwecken den Eindruck, dass es sich bei der «alpinen Scheidung» um ein Massenphänomen handelt. Und dass einmal mehr der Mann an sich versagt.

Die Männer in den Schilderungen erscheinen als empathielose Typen auf dem Egotrip. Als hätten sie jede Fürsorglichkeit in der Zivilisation zurückgelassen, müssen sie in der Wildnis ihre Stärke demonstrieren. Die Online-Community ist sich einig: Die Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus und missbrauchen ihre Macht.

Im «Spiegel» sagte es eine Psychologin so: «Ein Mann erhöht seinen Selbstwert, indem er seine Partnerin überfordert – diese Macht gibt ihm ein gutes Gefühl.»

Rücksichtslos übergehen die oftmals sportlicheren Männer die Bedürfnisse ihrer Partnerinnen. Männer gelten als risikofreudiger, sie lieben den Wettbewerb. Sie wollen möglichst schnell nach oben, und dabei verlieren sie die Fähigkeit, sich in die Lage jener hineinzuversetzen, die das nicht wollen oder können.

Weil es in den Foren so hitzig zu und her ging, schalteten sich auch Alpin-Experten ein. Der Deutsche Alpenverein (DAV) hielt auf Instagram fest, was ein ungeschriebenes Outdoor-Gesetz ist: Das schwächste Glied einer Berggruppe bestimmt das Tempo und den Weg. «Der Erfahrenere passt sich immer dem Schwächeren an. Umkehren am Berg ist keine Schwäche, sondern Stärke.»

 

Die Frauen geben die Führung ab

Mit #MeToo im Alpinismus wird ein neues Gebiet erschlossen, auf dem Frauen angeblich «strukturelle» Benachteiligungen erleben und der Mann seine «Toxizität» unter Beweis stellt. Das Zurücklassen am Berg wird als Sinnbild für bestehende patriarchale Machtverhältnisse in der Gesellschaft gedeutet.

Kritiker betonen, wie historisch männlich geprägt der Bergsport ist. Ähnlich wie in der Rassismusdebatte gilt der Alpinismus als elitär, der klassische Bergsteiger strebt nach persönlichem Erfolg, definiert durch Härte und Überlegenheit. Dabei erobern immer mehr Frauen die Gipfel – und das mit demselben Ehrgeiz und Erfolg.

Was in der Debatte ebenfalls untergeht: Wandern erfordert Eigenverantwortung. Die «Alpine Divorce»-Berichte vermitteln jedoch das Bild, Frauen würden die Führung blind den Männern überlassen. Sie wirken hilflos, bedürftig, unemanzipiert – so, als hätten sie sich vorab weder über Route noch Schwierigkeitsgrad informiert. Dabei sollte eine Bergtour eine Teamsache sein, bei der beide Seiten gemeinsam planen und mitbestimmen.

Eine Bergtour ist kein Sonntagsspaziergang, dennoch wird der Gang in die Berge unterschätzt. Der Schatten der weinenden Frau auf Tiktok zeigt sie mit einer grossen, schwer wirkenden Umhängetasche statt mit Rucksack. Das Opfer am Grossglockner trug nur Trailrunning-Schuhe, in denen die Füsse schnell nass und unterkühlt waren.

 

Gleichberechtigung beginnt bei der Planung

Die Bloggerin und Bergsteigerin Eva Herold bezeichnet sich als Feministin. Die Alpine-Divorce-Debatte nerve sie, schreibt sie auf Instagram. Natürlich sei es falsch, jemanden am Berg zurückzulassen. «Aber Gleichberechtigung bedeutet für mich auch, Verantwortung nicht vollständig an andere abzugeben.» In einer Seilschaft entstehen immer Abhängigkeiten. «Feminismus ohne Eigenverantwortung ist halbe Arbeit.» Ihr wurde eine Täter-Opfer-Umkehr vorgeworfen.

Doch es ist keineswegs immer so einseitig, wie es viele Frauen darstellen. In der Kurzgeschichte «Alpine Divorce», deren Titel nun alle zitieren, ohne sie gelesen zu haben, stösst am Ende nicht der Mann seine Frau in den Abgrund: Sie macht den fatalen Schritt selbst. So rächt sie sich an ihrem verhassten Gatten. Sie hatte seine Mordpläne erahnt und zwei Hotelangestellte eingeweiht, die dem Paar etwas verzögert folgen.

Die Frau ist bereits in die Tiefe gesprungen, als die vermeintlichen Zeugen eintreffen. Da weiss der Mann, dass ihm niemand glauben wird.

 

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