50 Jahre alt und dick – muss das sein? Warum wir im Alter zunehmen und was dagegen hilft
Dicksein fühlt sich unattraktiv an und birgt Risiken für diverse Krankheiten. Die gute Nachricht: Die Gewichtsspirale mit zunehmendem Alter lässt sich aufhalten, auch ohne Abnehmspritze.
Es ist zum Heulen. Schon wieder ein Jahr älter, schon wieder ein halbes Kilo mehr. Warum scheint man im Alter fast unwiderruflich zuzunehmen? Und kann man wirklich nichts dagegen tun?
Fakt ist erst einmal: Viele Menschen sind im mittleren Lebensalter – also zwischen Mitte 40 und Mitte 50 – dicker als früher. Und von den 65- bis 75-Jährigen hat weniger als die Hälfte Normalgewicht, in Deutschland sogar nur ein Drittel. Auch internationale Studien zeigen solche Trends. Ein halbes Kilo nimmt man im Schnitt pro Jahr zu. Sind sie dick, fühlen sich viele Menschen nicht nur unwohl. Sie haben auch ein höheres Risiko für diverse Krankheiten: Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs und Schlafapnoe sind nur einige davon.
Andersherum zeigen Studien aber auch: Nicht alle Menschen nehmen zu, viele bleiben im Alter schlank. «Der Mythos, man nehme automatisch zu, ist falsch», sagt Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene in der Uniklinik Leipzig. «Aber leider ist das Risiko gross, weil sich der Körper ändert.»
Je älter wir werden, desto mehr Fett sammelt sich an, vor allem im Bauch. Das Fett setzt Hormone und Entzündungsstoffe frei, die das Risiko für chronische Krankheiten deutlich mehr erhöhen, als wenn die Fettpolster an Hüften oder Gesäss sitzen. Während wir also mit dem Alter immer «fettiger» werden, nimmt die fettfreie Masse ab – das sind vor allem Muskeln.
Die Gründe sind vielfältig: Wir trainieren unsere Muskeln weniger und essen weniger Eiweiss. Und selbst wenn wir das tun, bildet der Körper nach einer Proteinmahlzeit oder nach dem Training weniger Muskeln. Hinzu kommen altersbedingte Veränderungen in Zellen und Nerven und eine niedrigschwellige Entzündung. Nimmt die Muskelmasse ab, sinkt der Grundumsatz, denn Muskeln brauchen Energie.
Blöd ist nur, dass der Appetit dann nicht entsprechend nachlässt. Weniger Muskeln bedeutet nicht nur, dass Treppen steigen, Flaschen aufdrehen oder die Einkaufstasche nach Hause tragen schwerfällt. Man fühlt sich unsicher, stürzt eher und bricht sich eher die Knochen.
Weshalb es so schwer ist, das Verhalten zu ändern
Eigentlich sollten das genug Warnungen sein, damit man den Lebensstil anpasst: aufs Essen achten und die Muskeln trainieren. Aber wer rafft sich schon gerne zu Sport auf? Und das mit dem Essen sagt sich auch leicht. Wie viel wir essen, können wir nämlich nur bedingt kontrollieren. Hunger- und Sättigungsgefühl werden im Körper durch komplizierte Vorgänge reguliert, die mehrheitlich unbewusst ablaufen. Und unser Essverhalten wird durch alles Mögliche beeinflusst: zum Beispiel dadurch, wie das Essen riecht, aussieht oder schmeckt oder ob es einem ständig angeboten wird.
Wer einmal bei einer süditalienischen Familie eingeladen war, weiss, wie schwierig es ist, der Mamma zu sagen, man sei satt. Und auch am Kummerspeck ist was dran: Er habe immer wieder Patienten, erzählt der Psychiater Patrick Pasi, die Schwierigkeiten hätten, ihre Gefühle zu verarbeiten, und dann als Ersatz ässen. Pasi leitet das Zentrum für Essstörungen im Unispital Zürich. Ärger, Traurigkeit oder auch Stress – schnell greift man zu einem Snack oder kocht sich eine «Soul-Food-Lasagne».
Seit Jahren versuchen Forscher zu verstehen, warum der eine ab 50 immer rundlicher wird, während die andere schlank bleibt und vergnüglich Pasta in sich hineinschaufelt. Klar ist: Es gibt nicht nur einen Grund.
Die Suche nach den Ursachen für die Gewichtszunahme
Zu einem Grossteil liegt es an der Veranlagung, also an den Genen. Die Kombination bestimmter Gene trägt offenbar dazu bei, ob jemand im Alter dicker wird oder gar schon als Kind. Eine weitere Rolle spielt der Lebensstil: zu kalorienreich essen und zu wenig Sport, was durch zahlreiche Studien belegt ist.
Immer wieder schieben Frauen ihre Gewichtszunahme auf die Wechseljahre. Doch das stimmt nur bedingt. Die Frauen nehmen nicht auf einmal, sondern kontinuierlich zu, ähnlich wie die Männer. Die Wechseljahre können aber durchaus ihren Beitrag zur Gewichtszunahme leisten: Wer unter starken Hitzewallungen leidet, nimmt eher an Gewicht zu. Das liegt womöglich an geänderten Konzentrationen von Hormonen, zum Beispiel des Sättigungshormons Leptin oder des Schlafhormons Melatonin.
Bei manchen Frauen liegt es eher an einer sich wandelnden Lebenssituation: «Die Kinder sind aus dem Haus, man fühlt sich nicht mehr gebraucht, ist einsam oder hat kein Hobby, das einen erfüllt», sagt der Psychiater Pasi. «All das kann einen seelisch so belasten, dass man es mit Essen oder Alkohol kompensiert, der ja auch einiges an Kalorien enthält.» Immerhin: Nach den Wechseljahren stabilisiert sich das Gewicht vieler Frauen. Ungefähr in diesem Zeitraum nehmen auch die Männer nicht weiter zu.
Was tun, um das Gewicht in den Griff zu bekommen?
Sport treiben und die Kalorienmenge an Alter, Geschlecht, Grösse, Gewicht und Bewegungsausmass anpassen sind zwar mühsam, aber die wirkungsvollste Massnahme. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, sich pro Woche 150 Minuten mit mittlerer Intensität zu bewegen – etwa mit Velofahren, Tanzen oder Wassergymnastik – oder 75 Minuten intensiv, zum Beispiel mit Rennradfahren, Fussballspielen oder Joggen. Zusätzlich stehen mindestens zweimal pro Woche Kraftübungen auf dem Programm.
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